Graz hat ein Stadionproblem. Und ein Denkproblem.

Warum 45,9 Prozent der Steirer gegen eine Investition sind, die ihnen Geld bringt



Eine aktuelle Umfrage von m(Research für die Kleine Zeitung zeigt: 45,9 Prozent der Steirerinnen und Steirer sprechen sich gegen die öffentliche Investition in den Ausbau des Stadions Liebenau aus. Nur 38 Prozent sind dafür. Peter Maderl, Geschäftsführer von m(Research, spricht von „keiner stabilen öffentlichen Legitimation".

Das klingt nach einem klaren Ergebnis. Ist es aber nicht. Es ist ein Ergebnis, das vor allem eines zeigt: ein massives Informationsdefizit. Und, sagen wir es ruhig: ein gewisses Maß an Kleingeistigkeit.

Die Zahlen, die niemand liest

Bevor man reflexartig „70 Millionen für ein Fußballstadion!" schreit, sollte man sich vielleicht ansehen, was der SK Sturm Graz der Steiermark tatsächlich bringt. Eine wissenschaftlich fundierte Wertschöpfungsstudie der FH Campus 02 in Kooperation mit der Wirtschaftskammer Steiermark hat das schwarz auf weiß berechnet: 42 Millionen Euro Bruttowertschöpfung generiert Sturm für die Region. Jeder Euro, den Sturm erwirtschaftet, löst zusätzlich 1,60 Euro an weiteren wirtschaftlichen Effekten aus. Der Verein sichert 325 Arbeitsplätze und führt jährlich 13,5 Millionen Euro an Steuern und Abgaben an die öffentliche Hand ab.

Man lese das noch einmal: 13,5 Millionen Euro fließen jedes Jahr zurück an den Steuerzahler. Bei einer Investition von 60 bis 70 Millionen hätte sich das Stadion innerhalb weniger Jahre amortisiert — und das bei einer konservativen Rechnung, die den zusätzlichen Effekt eines größeren, moderneren Stadions noch gar nicht einpreist.

Denn genau das ist der Punkt: Ein Stadion mit 20.000 Plätzen statt der aktuellen Kapazität bringt mehr Zuschauer, mehr Konsum, mehr Wertschöpfung. Jeder Stadionbesucher gibt im Schnitt über 40 Euro für Speisen und Getränke aus — und das ist nur der direkte Konsum am Spieltag. Hotels, Gastronomie, öffentlicher Verkehr: Die Umwegrentabilität eines Fußball-Großevents geht weit über das Stadion hinaus.

Der beste Werbeträger, den die Steiermark hat

SK Sturm Graz ist amtierender österreichischer Meister. Der Verein hat in den letzten beiden Saisonen an der UEFA Champions League teilgenommen und dabei Europas größte Fußballbühne bespielt. Millionen TV-Zuschauer in ganz Europa sehen den Namen „Graz" auf ihren Bildschirmen. Manchester United, Borussia Dortmund, Atalanta Bergamo, Sporting Lissabon — gegen all diese Klubs hat Sturm auf höchstem Niveau gespielt.

Was glaubt man, was eine Stadt normalerweise für diese Art von internationaler Sichtbarkeit bezahlen müsste? Kein Tourismusbudget der Welt könnte das leisten, was Sturm Graz als Werbeträger für die zweitgrößte Stadt Österreichs leistet.

Eine Erfolgsbilanz, die ihresgleichen sucht

SK Sturm Graz ist fünffacher österreichischer Meister (davon zweimal in Serie), siebenfacher Cupsieger, dreifacher Supercup-Sieger. 2024 holte man das Double und beendete die zehnjährige Titelregentschaft von Red Bull Salzburg. International ist Sturm Österreichs erfolgreichster Champions-League-Teilnehmer — Gruppensieger 2001, Ligaphase 2024/25, dazu fünf Europa-League-Gruppenphasen und aktuell die Europa-League-Ligaphase 2025/26. Seit 1974/75 ununterbrochen in der höchsten Spielklasse. 20.400 Mitglieder, Rekordumsatz von 44,7 Millionen Euro, Rekorde bei Saisonabos, Besucherzahlen, Sponsoring und Merchandising.

Und das alles ohne einen einzigen Großinvestor. Sturm ist ein unabhängiger Mitgliederverein — immun gegen Oligarchen und Konzerne. Im Leitbild festgeschrieben, von Präsident Jauk konsequent gelebt: Angebote von Investoren kommen regelmäßig und werden regelmäßig abgelehnt. Während andere Klubs ihre Seele verkaufen, zeigt Sturm, dass man auch aus eigener Kraft auf höchstem Niveau bestehen kann. Gerade deshalb ist der Verein bei der Stadioninfrastruktur auf die öffentliche Hand angewiesen. In Wien und Linz haben alle vier Erstligisten mit massiver öffentlicher Förderung neue Stadien bekommen. In Graz wartet man seit über einem Jahrzehnt.

Mehr als Fußball: Was Sturm für die Gesellschaft leistet

Wer glaubt, beim SK Sturm ginge es nur um Tore und Titel, kennt den Verein nicht. Sturm ist tief in der steirischen Gesellschaft verankert — und zwar nicht nur als Sportverein, sondern als sozialer Akteur.

Das beeindruckendste Beispiel: „Schwoaze Helfen", die Spenden- und Sozialinitiative der Sturm-Fanszene. Was 2013 als kleine Aktion begann, ist heute ein eigenständiger Verein, der Jahr für Jahr Rekorde bricht. 2025 wurde ein neuer Höchststand erreicht: 143.000 Euro Reinerlös — gesammelt durch Becherspenden im Stadion, Kalenderverkäufe, Versteigerungen und Fanaktionen. Seit der Gründung hat „Schwoaze Helfen" die unfassbare Summe von über 750.000 Euro an Spendengeldern zusammengetragen. Die Empfänger: Einzelschicksale, Frauenhäuser, das Schlupfhaus Graz, der Verein „Verrückt? Na und!" für psychische Gesundheit junger Menschen, Tierheime, der Homeless World Cup und viele mehr. Während der Corona-Pandemie verteilten die Fans 800 Geschenkpakete an das Intensivpersonal der Krankenhäuser und unterstützten die VinziWerke mit Spenden für Obdachlose. Jedes Jahr vor Weihnachten kochen Sturm-Fans im VinziDorf für Bedürftige — nicht für die Kameras, sondern weil es ihnen wichtig ist.

Sturm war außerdem der erste Fußballverein Österreichs, der eine eigene Special-Needs-Mannschaft gegründet hat. Die „Special Blackies" — eine Mannschaft für Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen — repräsentieren den Verein bei Turnieren und setzen ein starkes Zeichen für Inklusion. Inspiriert wurden sie durch die Special Olympics World Winter Games 2017 in der Steiermark, bei denen Sturm als Partner und Botschafter auftrat.

Und dann ist da die Nachwuchs- und Frauenarbeit. Die Fußballakademie Steiermark — betrieben von Sturm gemeinsam mit dem Steirischen Fußballverband — bildet die Talente von morgen aus. Die Frauenakademie Steiermark kombiniert Schulausbildung mit Matura und professionelle Fußballausbildung. Das Sturm-Frauenteam erreichte fünfmal die österreichische Vizemeisterschaft. Und jetzt wird das neue Trainings- und Nachwuchszentrum in Puntigam gebaut — ein 16-Millionen-Euro-Projekt auf 32.000 Quadratmetern mit drei Fußballplätzen, einer Halle und modernster Infrastruktur. Spatenstich war im November 2025. Das Land Steiermark fördert mit 4,8 Millionen Euro, die Stadt beteiligt sich am Grundstück. Nachhaltig betrieben mit PV-Anlage, Speicher und Wärmepumpe. Dieses Zentrum ist für Jugend, Akademie und Damen — nicht für die Kampfmannschaft. Es zeigt, wo Sturms Prioritäten liegen: bei den jungen Menschen.

Im Vereinsleitbild steht ein Satz, der nicht nur auf dem Papier existiert: „Wir helfen. Aufgrund seiner Herkunft und Geschichte ist sich Sturm Graz seiner Position und Vorbildwirkung innerhalb der Gesellschaft bewusst und unterstützt nach Möglichkeit Notleidende, Kranke und Menschen, die sich am Rande der Gesellschaft befinden."

Das ist kein Marketing-Sprech. Das ist gelebte Realität, Woche für Woche, Jahr für Jahr.

Die Blamage, die keiner sehen will

Und was ist die Realität? Österreichs Meister muss seine Champions-League-Heimspiele in Klagenfurt austragen — 150 Kilometer von der eigenen Heimat entfernt. Die UEFA hat die Merkur Arena für die Königsklasse als untauglich erklärt. Infrastrukturelle Mängel, veraltete Medieneinrichtungen, zu geringe Kapazität. Sturm-Präsident Christian Jauk nannte es, was es ist: eine Blamage für die Sportstadt Graz.

Die zweitgrößte Stadt Österreichs, eine Universitätsstadt mit über 300.000 Einwohnern, ist nicht in der Lage, ihrem erfolgreichsten Sportverein ein Stadion zu bieten, das für internationale Spiele taugt. In Klagenfurt — einer Stadt, die halb so groß ist — steht seit der Euro 2008 eine Arena, die das problemlos kann. In Linz hat man dem LASK die Gugl als 80-Jahre-Pacht übergeben und Blau-Weiß ein eigenes Stadion gebaut. Graz? Graz diskutiert seit über einem Jahrzehnt.

Das Versäumnis hat einen Namen — und es ist nicht die KPÖ

Wer sich fragt, warum Graz in Sachen Stadion so weit zurückliegt, muss nur in die jüngere Stadtgeschichte blicken. Seit 2012, als der SK Sturm der Stadt das Projekt „Tor zur Stadt" präsentierte — eine Komplettsanierung des Stadions und seiner Umgebung — wurde das Thema von der damaligen ÖVP-Stadtregierung unter Bürgermeister Siegfried Nagl systematisch verschleppt. Vor der Wahl große Worte, nach der Wahl wollte man davon nichts mehr wissen. Die Ein-Stadion-Lösung wurde unter Nagl und Sportstadtrat Hohensinner zementiert, dringend notwendige Investitionen wurden verschoben, der Rasen verkam zur bundesweiten Lachnummer, und als Nagl 2021 gleichzeitig 3,3 Milliarden für eine U-Bahn forderte, hatte die Stadt nicht einmal genug Geld für einen bespielbaren Rasen. Die Bundesliga verbot Heimspiele in Liebenau. Sturm musste nach Klagenfurt.

Immerhin: Unter der aktuellen Stadtregierung aus KPÖ, Grünen und SPÖ war der Stadionausbau noch nie so konkret wie jetzt — trotz einer schwierigen finanziellen Lage, die man von der Vorgängerregierung geerbt hat. 60 bis 70 Millionen Euro für Modernisierung und Ausbau, Champions-League-Tauglichkeit, Kapazitätserhöhung auf 20.000 Plätze. Das Ziel: ein Planungsbeschluss noch vor der Graz-Wahl am 28. Juni.

Was eine moderne Arena allen Steirern bringen würde

Ein champions-league-taugliches Stadion in Graz wäre nicht nur für Sturm und den GAK. Es wäre eine Multifunktionsarena für die ganze Steiermark:

Länderspiele des Nationalteams könnten wieder in Graz stattfinden — zuletzt war das aufgrund der Stadionsituation nicht mehr möglich. Internationale Konzerte und Events, die bisher an Graz vorbeigehen, weil es keine geeignete Infrastruktur gibt. Wirtschaftliche Impulse für die gesamte Region bei jedem Großevent. Ein Identifikationspunkt für eine Stadt, die sich gerne „Sportstadt" nennt, aber bisher wenig dafür tut, diesen Anspruch einzulösen.

Wien hat das Ernst-Happel-Stadion und die neue Generali Arena. Salzburg hat die Red-Bull-Arena. Klagenfurt hat das Wörthersee-Stadion. Linz hat die neu sanierte Gugl. Was hat Graz? Eine in die Jahre gekommene Arena, die nicht einmal die UEFA-Standards erfüllt.

Das eigentliche Problem: Denken in Kosten statt in Chancen

45,9 Prozent der Steirer sagen Nein. Aber warum? Weil sie die Frage „Soll Steuergeld in ein Fußballstadion fließen?" hören und reflexartig ablehnen. Ohne zu wissen, dass dieses Steuergeld zurückkommt — und zwar mit Rendite. Ohne zu wissen, dass Sturm Graz schon jetzt 13,5 Millionen Euro jährlich an Steuern und Abgaben zahlt. Ohne zu wissen, dass ein größeres Stadion diese Wertschöpfung noch einmal deutlich steigern würde.

Peter Maderl von m(Research sagt selbst: Der hohe Anteil der Unentschlossenen deutet darauf hin, dass es den Menschen an Information fehlt. Genau das ist das Problem. Es fehlt nicht an guten Argumenten für das Stadion — es fehlt daran, dass diese Argumente die Menschen erreichen.

Wer in einer globalisierten Welt den Ausbau einer Arena ablehnt, die dem erfolgreichsten steirischen Sportverein endlich eine würdige Heimat gibt, internationale Events ermöglicht und nachweislich wirtschaftlichen Mehrwert schafft, der denkt zu klein. Die Steiermark hat mit Sturm Graz einen Verein, der europaweit Werbung für die Region macht, der vorbildlich wirtschaftet, der Rekord um Rekord aufstellt. Dieses Potential nicht zu nutzen, wäre nicht sparsam. Es wäre fahrlässig.



Autor: Günter Kohlhofer


Quellen: m(Research Steiermark-Radar für die Kleine Zeitung (Umfrage unter 750 Steirerinnen und Steirern, März 2026) · „Quantifizierung der durch SK Sturm Graz im Wirtschaftsjahr 2022/23 ausgelösten regionalwirtschaftlichen Effekte", FH Campus 02 / Institut für Wirtschafts- und Standortentwicklung der WKO Steiermark (Studienautoren: Oberzaucher, Thaller, Pfummerl; präsentiert Oktober 2023) · SK Sturm Graz Geschäftsbericht 2022/23 · sksturm.at (Leitbild & Grundsätze, Steckbrief, Soziales Engagement, Spatenstich Trainingszentrum Puntigam) · schwoazehelfen.at (Spendenrekord 2025) · Stadt Graz Presseinformation „Stadion Liebenau bleibt im öffentlichen Eigentum" (Februar 2026) · Land Steiermark Presseinformation „Anstoß für neues Trainingszentrum des SK Sturm" (November 2024) · 90minuten.at, laola1.at, steiermark.orf.at, kicker.at (diverse Medienberichte zur Stadionfrage)



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